Kaddisch für einen Freund – soziale und persönliche Identität

 

Trailer

http://www.youtube.com/watch?v=AjJgwz79p4o

Ganzer Film auf Deutsch auf You Tube zum Ansehen.
Eine Vielfalt an zwischenmenschlichen Interaktionen ermöglicht auch eine Vielfalt an Lösungen für den Umgang mir Straftaten. Der Film „Kaddisch für einen Freund“ verdeutlicht auf unterhaltsame Weise wie sich Täter und Opfer jenseits von auferlegten Straftaten vielfältig und kreativ begegnen können. Die Hauptpersonen finden in der schwierigen Praxis der Annäherung ihren ganz eigenen Weg der Konfliktregelung.
Es ist zwar eine fiktive Geschichte, beinhaltet jedoch viele Anregungen mit Konflikten anders umzugehen[1]. Es werden Visionen dargestellt, an die man immer gern erinnert wird. Außerdem braucht jeder Bewährungshelfer und jede Bewährungshelferin eine Vorstellung von einem guten Ziel der eigenen Arbeit.
 
„Aufgewachsen in einem palästinensischen Flüchtlingslager hat der 14jährige Ali Messalam (Neil Belahdar) von klein auf gelernt, die Juden zu hassen. Nach der gemeinsamen Flucht mit seiner Familie aus dem Libanon lebt er bereits seit vier Jahren in Berlin Kreuzberg. Die Duldung steht zwar noch auf wackligen Beinen, dennoch darf die Familie vorerst das Asylheim verlassen und eine eigene Wohnung am Mehringplatz beziehen. Hier sucht Ali Anschluss bei den arabischen Jugendlichen im Kiez. Doch dafür muss er erst einmal beweisen, was er drauf hat. Als Mutprobe soll er ein die Wohnung seines jüdisch-russischen Nachbarn Alexander (Ryszard Ronczewiski) einbrechen. Er wird jedoch erwischt und angezeigt. Für seine Familie kann das die Abschiebung bedeuten. Es bleibt Ali also nichts anderes übrig, als zu versuchen, sich mit seinem „Feind“ gut zu stellen. Dieser ist ein alter russisch-jüdischer Kriegsveteran, der es dem jungen Araber nicht gerade leicht macht.“[2]
Richter isolieren strafbare Handlungen vom sozialen Erfahrungsraum des Täters. Der Fokus liegt dann auf dem Einbruch, also dem unerlaubten Öffnen einer fremden Wohnungstür mit einer Kreditkarte als Tatwerkzeug, dem vorsätzlichen bandenmäßigen Zerstören des Mobiliars in der Wohnung und den diffamierenden Beschriftungen an den Wohnungswänden. Weder die gesellschaftlich – politische Einbettung beider Hauptakteure noch ihre individuellen Lösungsversuche sind Bestandteil von juristischen Betrachtungen.
Jedoch gerade, der mit einer Tat verbundene soziale Erfahrungsraum, steht im Mittelpunkt einer Deliktbearbeitung. Wie im Film zu sehen, geht es dann nicht nur um den Einbruch, den Vandalismus und der Diffamierung, sondern um die Genese solcher Handlungen und dem Versuch auf der Basis sozialer Erfahrungszusammenhänge den Prozess einer Konfliktlösung einzuleiten. Der Film weckt ein Verständnis für den sozialen Kontext von Straftaten.
Als „Bewährungshelferin“ betätigt sich im Film die Mutter von Ali. Sie versucht einen Kontakt zwischen beiden herzustellen. Ganz pragmatisch klingelt sie mit Kuchen in der Hand beim Geschädigten, bittet um Entschuldigung und um eine zweite Chance für ihren Sohn. Ali soll den Schaden durch tatkräftige Arbeit lindern.
Der Geschädigte lässt seinerseits die Tür geöffnet – ein Kontakt wird nach der Tat möglich. Dies war vor der Tat ganz anders. Ali wollte dem alten Mann helfen seine Waschmaschine zu reparieren und entdeckte dabei Bilder vom Menora – Leuchter als Identifikationsaufhänger[3] für den „Feind“. Ein Kontakt schien nicht mehr möglich. Der alte Mann wollte sich später bei der Familie bedanken, wurde aber von der Familie zurück gewiesen. Grenzen waren gezogen. Das Schicksal[4] hatte beide Parteien räumlich zusammengeführt. Bestenfalls hätten sie in Deutschland höflich distanziert nebeneinander weiter gelebt.
Jugendliche im Kiez führen den ungelösten Konflikt zwischen Palästinensern und Juden in Deutschland weiter. Ali, als der „Neue“ muss eine Aufnahmeprüfung über sich ergehen lassen. Gleichzeitig wird deutlich wie der Konflikt in ihm weiter brodelt und seine Identität dominiert. Ein neues Land bedeutet nicht eine neue, noch offene Identität mit einer Vielfalt an neuen Anknüpfungspunkten. Die Jugendlichen leben eine destruktive Lebensorientierung weiter.
Erst als beiden Hauptakteuren die „Abschiebung“ droht. Dem alten Mann die Abschiebung ins Altersheim und der Familie von Ali die Abschiebung nach Palästina, können sie sich emotional aufeinander zu bewegen. Sie teilen unterwartet ein gemeinsames zukünftig drohendes Schicksal und beide finden einen gemeinsamen Anknüpfungspunkt in der Vergangenheit, ein beiden bekanntes Dorf, an dem viele Erinnerungen hängen.
Sie beginnen sich als Individuen kennen zu lernen. Auf diese Veränderung im Leben der beiden Menschen reagiert das jeweilige alte soziale Umfeld. In der jüdischen Gemeinde werden Bedingungen an eine Geldspende für die Renovierung der Wohnung gestellt: Alexander soll sich nicht mehr mit dem palästinensischen Jungen treffen. Ali wird beschimpft. Es kommt zu einer Schlägerei, während der sein Cousin schwer verletzt wird.
Langsam finden beide einen ganz individuellen Weg mit den neuen Anforderungen umzugehen. Alexander nimmt das Geld und versucht, wie er es aus Russland kennt, den Polizisten zu Gunsten von Ali zu bestechen. Ali traut sich, sich für ein Mädchen einzusetzen, das von seinen alten „Freuden“ bedrängt wird. Er wird dabei Erwachsen und bezieht einen eigenen Standpunkt[5] vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrung[6]. Beide entdecken ihre Kraft einen eigenen Standpunkt zu vertreten und moralisch zu wachsen.[7] Schließlich gelingt es ihnen vor diesem Hintergrund ihr relevantes soziales Umfeld zu verändern. Auch in der Gerichtsverhandlung wird den beiden neuen Freunden mit Unverständnis begegnet. Alexander kann die Anzeige nicht zurückziehen. Er verletze die Würde des Gerichts und es ginge in der Verhandlung nicht einzig um ihn – so die Richterin. Alexander setzt sich mit aller Kraft für seine Freundschaft zu Ali ein. Er hält eine beeindruckende Rede, in deren Folge er an einem Herzinfarkt stirbt. Auf der Beerdingung wird Ali von der jüdischen Gemeinde aufgefordert das Kaddisch für seinen Freund zu sprechen.
Wenn es auch nur ganz selten möglich ist mit Täter und Opfer zusammen zu arbeiten, so besteht doch auch im Einzelgespräch die Möglichkeit eine Sensibilität für den sozialen Kontext einer Tat zu wecken. Und Ideen für einen möglichen Wandel zu initiieren.
Der Film zeigt, dass es wichtig ist neben einer sozialen Identität[8] auch eine persönliche Identität[9] aufzubauen. Eine Straftat sollte juristisch verurteilt und sozial verstanden werden, damit soziale Veränderungen möglich werden und weitere Straftaten verhindert werden können.
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[1] Eine hilfreiche Orientierung findest man bei Verena Kast (2010): Konflikte anders sehen. Die eigenen Lebensthemen entdecken. Herder
[2] Diese Inhaltsangabe fand ich im arte Magazin vom Mai 2013. Sie wird ebenso bei amazon veröffentlicht.
[3] An einen Identitätsaufhänger können soziale Fakten festgemacht werden.
Erving Goffman (1994): Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Suhrkamp
[4] Konfrontation und Bewältigung eines historisch – sozialen oder naturgegebenen Großereignisses
[5] Vgl. Martine F. Delfos (2012): Wie meinst du das? Gesprächsführung mit Jugendlichen. Betz. S. 25 – 28.
[6] vgl. Goffman
[7] Interessant ist hierbei, dass das moralische Wachstum Generationen übergreifend geschieht, nicht innerhalb der gleichaltrigen Peer – Group des Jugendlichen.
[8] Bestimmung des anderen durch soziale Kategorien, vgl. Goffman
[9] Bestimmung des anderen durch eine einzigartige Kombination an Eigenschaften, die den anderen zugeordnet werden können, vgl. Goffman
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